Weltblatt für den
Kreis 1


Zur Abstimmung vom 24. September
Cabaret Voltaire: Liegenschaftentausch



Marc Richli und Edi Guggenheim, zwei Gemeinderäte, präsentieren ihre kontroverse Meinung zum umstrittenen Liegenschaftentausch.

Das Cabaret Voltaire an der Spiegelgasse 1 hat sich seit 2004 als wichtigste Gedenkstätte des Dadaismus und als Veranstaltungsort etabliert. Das Haus gehört seit 2000 der Anlagestiftung Swiss Life. Diese hat es bisher immer abgelehnt, der Stadt das Haus zu verkaufen. Im Rahmen eines Tauschgeschäfts ist sie nun dazu bereit.
Die Stadt soll die Liegenschaft Spiegelgasse 1 sowie ein Mehrfamilienhaus in der Enge (Engimattstrasse 17) übernehmen. Im Gegenzug erhält Swiss Life das Wohn- und Geschäftshaus Rämistrasse 39 im Kreis 1 und das Areal mit dem Parkhaus Hallenstrasse 8 im Seefeld (sowie eine Aufzahlung von 500 000 Franken, um den Tauschwert auszugleichen).
Für die Stadt resultieren Einsparungen bei der Miete für das Cabaret Voltaire in der Höhe von jährlich 101 000 Franken, die dem Trägerverein des Cabaret Voltaire als Betriebsbeitrag zukommen sollen.
Der Gemeinderat hat dem Liegenschaftentausch am 8. März 2017 mit 90 zu 33 Stimmen zugestimmt. Dagegen hat die Alternative Liste (AL) das Referendum ergriffen. Deshalb kommt die Vorlage am 24. September zur Abstimmung. – Lesen Sie nachfolgend je einen Beitrag von Befürworter- wie von Gegnerseite.
AK

Pro
Das Cabaret Voltaire erhalten!
Das Cabaret Voltaire ist eine der wichtigsten kulturhistorischen Orte in Zürich. 1916 entstand der Dadaismus hier, mit dem Cabaret Voltaire an der Spiegelgasse 1 als Ursprungsstätte. Die Bewegung war als Gegenbewegung und Protest gegen den Weltkrieg gedacht, als spielerisches Sprengen der Grenzen der bisherigen Kunstgattungen, und hatte grossen Einfluss auf zahlreiche spätere Kunstströmungen. 2004 konnte das «Dadahaus» mit dem Trägerverein Cabaret Voltaire als Kulturbetrieb wiedereröffnet werden. Das Geld war immer knapp: Die kulturellen Leistungen wurden bislang nur durch Drittmittel und Raumvermietungen finanziert. Die Swiss Life ist seit 2000 Besitzerin der Liegenschaft und erhöhte den Mietzins seither stetig.
Jahrelang versuchte die Stadt vergeblich, das Haus zu erwerben. Nun kann das Altstadthaus gegen ein marodes, defizitäres Parkhaus im Seefeld eingetauscht werden; damit der Handel wertmässig aufgeht, werden noch zwei weitere Gebäude abgetauscht: ein Wohnhaus der Swiss Life in der Enge gegen ein Geschäftshaus der Stadt an der Rämistrasse.
Durch den Tausch können die Mietkosten für das Cabaret Voltaire jährlich um rund 100 000 Franken gesenkt werden. Dieses Geld kann neu als Betriebsbeitrag der Stadt eingesetzt werden. Üppig ist das nicht, doch ein höherer Betrag war im Gemeinderat nicht mehrheitsfähig. Das Cabaret Voltaire hat nun aber die Möglichkeit, auch in den nächsten Jahren Dada zu pflegen und gegenwartsbezogen zu präsentieren.
Das Referendum der AL richtet sich nur gegen den Tausch und vor allem gegen die Abgabe des maroden Parkhauses, das nie sinnvoll betrieben werden konnte. Dieses ist seit seiner misslungenen Sanierung 2001 finanziell so hoch belastet, dass es nicht möglich ist, dort durch einen Neubau bezahlbaren gemeinnützigen Wohnraum zu schaffen. Auf diese Idee ist übrigens während mindestens fünfzehn Jahren niemand gekommen, auch nicht die AL. Es ist auch völlig naiv, zu glauben, die Swiss Life würde die Liegenschaft an der Spiegelgasse verschenken, wie dies die AL mehrfach gefordert hat. Die Stadt tauscht mit dem Parkhaus im Seefeld ein Gebäude in einem Quartier ein, in dem nach neusten Zahlen der Druck auf Liegenschaftspreise deutlich abnimmt, und bekommt dafür eines in der Altstadt, wo die Preise momentan am schnellsten steigen.
Die Vorlage verdient ein deutliches Ja, damit das Erbe von Emmy Hennings, Hugo Ball, Tristan Tzara und anderen auf Dauer gesichert werden kann!
Mark Richli, Gemeinderat SP


Contra
Nein zu einem schlechten Deal!
Nein, Nein und nochmals Nein zum Liegenschaften-Deal rund ums Cabaret Voltaire!
Der Stadtrat behauptet, das Cabaret Voltaire an der Spiegelgasse 1 könne langfristig nur gesichert werden, indem das Haus in den Besitz der Stadt gebracht werde. Im Tausch mit der Swiss Life muss sie dafür eine wichtige, historische Liegenschaft Ecke Rämistrasse/Hirschengraben, ebenfalls im Kreis 1, hergegeben, dazu ein Grundstück mitten im Seefeldquartier, auf dem die Stadt selbst im Parkhaus-Baurausch der Siebzigerjahre ein unbrauchbares, heute fast leerstehendes Kleinstparkhaus erstellt hat. Hier könnten mehr als fünfzehn 2½-Zimmer-Wohnungen gebaut werden. Quasi als Trostpflaster in diesem unschönen Deal soll die Stadt noch eine Liegenschaft mit sechs bescheidenen 3-Zimmer-Wohnungen in der Enge erhalten, ein Haus, das für die Anlagestiftung Swiss Life in Tat und Wahrheit renditemässig vollkommen uninteressant ist.
Das Haus Ecke Münstergasse/Spiegelgasse mit dem heutigen Cabaret Voltaire weist innen und aussen nur sehr wenig erhaltene Bausubstanz auf. Trotzdem ist es nicht nur als kommunales, sondern auch als kantonales Denkmalschutz-Objekt bereits geschützt, eben wegen seiner Bedeutung als erster Treffpunkt für die Künstlerinnen und Künstler der Dada-Bewegung. Es ist also unwahr, dass dieses Haus nur im Besitz der Stadt für alle Zeiten geschützt werden kann. Dada ist als Idee zu verstehen, die nicht ortsgebunden ist, wie dies die Dadaisten selbst auch so sahen. Dada ist kein Ort, der zum Fetisch hochstilisiert werden kann. Und: «Dada war da, bevor Dada da war.» Oder wie es Hugo Ball sagte: «Dada ist die Weltseele.»
Besonders stossend ist, dass die Stadt das Haus an der Rämistrasse 39 weggeben müsste: Es ist ein imposantes Haus, direkt an die mittelalterliche Stadtmauer angebaut, welches der Architekt und Semper-Schüler Heinrich Ernst errichtet hat, der auch das Metropol und das Rote Schloss erbaut hat. Darin befindet sich das Traditionsgeschäft des für seine originellen Schaufensterdekorationen bekannten Brillenladens von Kurt Iselin, aber auch die Fachstelle des städtischen Schul- und Sportdepartements für Logopädie und Psychomotorik: Damit wirft sich die Stadt also mittelfristig gleich selbst hinaus. Denn eines ist sicher: Die Anlagestiftung Swiss Life, deren alleiniger Auftrag es ist, den Profit zu maximinieren, wird keine Zeit verlieren, die heute moderaten Mieten anzuheben.
Edi Guggenheim, Gemeinderat AL (Stadtkreise 1 + 2)


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