Der letzte Arbeitstag des Päcklipöstlers

Mit Florian Hänni verliert das Niederdorf eine Institution. Ein Pöstler, der für alle Anliegen ein offenes Ohr hatte und die Gassen kannte wie fast kein Zweiter. Kein Wunder, hatte er hier doch schon seine Niederdorf-Berufspremiere vor 48 Jahren.

Von Lorenz Steinmann

Die Botschaft, dass heute der hochgeschätzte «Pöstler» seinen letzten Arbeitstag hat, verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Spontan organisierte Hotelière Sigi Gübeli vom «Platzhirsch Hotel» eine kleine Abschiedsfeier.
Einige der vielen Fans vom Paketboten Florian Hänni (bald 65) waren kurzfristig in der Brunngasse erschienen. Sigi Gübeli betonte in ihrer kurzen Rede, wie wertvoll Florian fürs Quartier gewesen sei: «Ein Aufsteller im Berufsalltag, eine gute Seele, die dem Quartier viel Zusammenhalt gab». 
Sein Markenzeichen: Die Begrüssung «Guten Morgen, Paketpost.» Das habe immer viele Herzen geöffnet, erzählt Hänni. Und für seine vierbeinigen Freunde hatte er immer Hunde-Guetzli mit dabei.
Dass auch Markus Werner, Spezialist Politik und Kommunikation Region Nord der Schweizerischen Post auftauchte, zeigte, wie geachtet und durchaus wichtig Florian Hänni auch betriebsintern war. 
Es gab Wein, Schoggi und Salami als Geschenke, und einen langen, warmen Applaus. Hänni war überrascht, gerührt und bedankte sich mit Tränen in den Augen für die Abschiedsgeschenke, welche er in der Beifahrertüre seines Transporters verstaute. «Genau dafür ist das Fach doch da», sagte Hänni in seinem kernigen Ostschweizer Dialekt mit einem Schmunzeln im Gesicht. Dann wurde nochmals geklatscht und es kam fast ein wenig Wehmut auf. Die ganzen Feierlichkeiten dauerten aber keine Viertelstunde. Vielleicht ist genau das typisch. Florian Hänni hatte für alle Anliegen nur kurz Zeit, liess einem aber spüren, wie wichtig die Wünsche und manchmal auch Probleme seiner Kundinnen und Kunden waren. Längeres Plaudern war nie sein Ding, denn der Zeitdruck verlangte stets ein Weiterarbeiten. So stieg der gelernte Postbote auch heute wieder in sein Elektrofahrzeug − übrigens ein Renault Master E-tech − und absolvierte seinen letzten Nachmittag als «Päcklipöstler». 

In den Fussstapfen des Vaters
Der «Altstadt-Kurier» trifft ihn später nochmals − für ein längeres Gespräch – im Café Zähringer. Florian Hänni hat anstatt dem graugelben Postleibchen nun eines mit einem markanten Weisskopf-Seeadler an. Er erzählt dem Altstadt-Kurier, dass schon sein Vater bei der Post, als Briefträger arbeitete – im Heimatort Kreuzlingen. «Während meinen Schulferien begleitete ich ihn oft auf seinen Botengängen oder half meiner Mutter, die ebenfalls bei der PTT als Reinigungskraft eingestellt war.» So waren seine beruflichen Weichen früh gestellt. 
1977 begann er seine berufliche Laufbahn bei der Post als Briefträger. Als er 1978 von Kreuzlingen nach Zürich kam, arbeitete er zuerst in der Eilzustellung und war fürs Niederdorf und das Gebiet rund um die Limmat eingeteilt. Also Express-Briefe und Express-Pakete liefern, als es diesen Dienst noch separat gab. Zudem war er Springer, wenn ein Briefbote in der Region zwischen Dübendorf und Küsnacht krankheitshalber ausfiel. 
In der Poststelle Giesshübel wurde er später für 20 Jahre in den Innendienst gewählt und erhielt den Status Betriebsbeamter. Sortierung von Briefen, Postfächer zuteilen und die Paketannahme waren sein Metier. Da diese Poststelle 1999 schliessen musste, wurde Hänni in die Briefzentrale Binz integriert und weiter ausgebildet. So bekam er verantwortungsvollere Arbeit, etwa  mit Adressnachforschungen, der Sortierung und im Geldverkehr. 

Pakete statt Briefe verteilen 
War zu Beginn seiner Tätigkeit 1977 das geografische Wissen und der Kundenservice noch enorm wichtig, wurde mit der Digitalisierung in den letzten Jahren immer mehr Arbeit automatisiert. So kam es dazu, dass im Sommer 2011 sein Arbeitsverhältnis bei der Briefpost wegrationalisiert wurde. Die Post kündigte dem langjährigen Mitarbeiter. «Ja, es war hart und ich hatte es schwer, einen neuen Job zu finden», erinnert sich Hänni. «Zum Glück erhielt ich 2011 eine Anstellung in der Paketbasis Urdorf, als Paketbote für das Gebiet zwischen Central und Neumarkt.» Dabei entwickelte sich die Arbeit laufend weiter. Quasi zum «Alltagsgegenstand» wurde der Scanner. «Damit war es einfacher, die Pakete zu erfassen, im Auto zu platzieren und sie dann an die Kunden zu liefern», lautet das Urteil von Hänni. Die späteren Programme halfen sogar den Platz der Pakete, in den Zustellfahrzeugen zuzuordnen.  Sektorweise zeigt das Handgerät, wann und in welcher Reihenfolge die Kundschaft beliefert werden soll. Somit ist der Scanner heute eine gute Unterstützung für «Berufsneulinge». Der Kunde kann sogar über das Post-App ersehen, wie lange er noch auf das Paket warten muss.

Rekord: 550 Pakete an einem Tag
Die Arbeit war anstrengend. Montags bis freitags um 4.30 Uhr aufstehen, um vor 6 Uhr mit der Arbeit in Urdorf zu beginnen. Oft dauerten die Arbeitstage bis 16 Uhr, also zehn Stunden. Je nachdem, wieviel Sendungen auszutragen waren. Während der Weihnachtszeit und auch der Corona-Zeit gab es mehr Pakete. Weil die Menge wegen des Online-Handels stetig zunahm, wurde später Hännis Tour umgestaltet und aufs Gebiet Central bis zur Hirschenplatz gekürzt. 
Durchschnittlich 250 bis 270 Pakete lud Hänni in seinen Transporter, ein Tagesrekord lag bei 550 Paketen im Corona-Jahr 2020. Aber auch sonst gab es immer viel zu tun. «Es kam vor, dass wir als Boten in den Vorweihnachtszeiten bis zu 1,2 Tonnen an Paketen auszuliefern hatten». Man habe dabei immer aufpassen müssen, das zugelassene Gesamtgewicht von 3,5 Tonnen nicht zu überladen. Einmal, erzählt Hänni, sei er wegen des Fahrzeug-Gewichts von der Polizei gestoppt worden. Zum Glück lag das Gewicht noch in der Toleranzgrenze und er durfte (verwarnt) weiterfahren. «Alles in allem war die Polizei aber stets verständnisvoll», betont Hänni. Auch Kurzparkieren wurde geduldet. Dank der Vor- und Rücksichtnahme in der Fussgängerzone Niederdorf mit den leisen E-Fahrzeugen kam es zu keinen Zwischenfällen, obwohl die Leute manchmal doch erschraken, wenn auf einmal ein fast lautloser «Gelber Riese» hinter ihnen nachfuhr. 

Von Personal eingeladen
«Ich werde das Quartier und die vielen liebgewonnen Menschen sicher vermissen», sagt Hänni zum Abschied. «Leider konnte ich mich nicht von allen Kunden persönlich verabschieden. Ich wollte mich bei vielen noch für das Vertrauen und die freundlichen Begegnungen in den vergangenen 15 Jahren bedanken und alles Gute für die Zukunft wünschen!» 
Damit ist das letzte Stichwort gegeben – was in der Zukunft so alles auf dem Plan steht: «Reisen, Wandern und die Natur fotografieren – mit der Unterstützung von Drohnen-Aufnahmen.» Aber auch entspannen und ausruhen werde er. Im «Café Zähringer» wurde er heute vom Personal eingeladen. Er war einfach allseits hochgeschätzt, «unser Päcklipöstler». Man merkt es auch heute nochmals, dass Hänni den Beruf immer geliebt hat und loyal zum Riesenkonzern − der PTT und später der Schweizerischen Post − war.