Ein Garten für das Quartier

Nach langen Jahren Pause kommt Bewegung in die Trittli- und Winkelwiese. Es gibt ein Vorprojekt und die Quartierbevölkerung wurde von der Stadt zu einem Dialog-
prozess eingeladen.

Von Elmar Melliger

Weit zurück, es war das Jahr 2008, gingen beim Wort Winkelwiese die Emotionen hoch. Uneins war man ob der Frage der künftigen Nutzung der seit 1970 im Besitz der Stadt befindlichen Villa Landolt – so benannt nach dem langjährigen Bewohner, dem Stapi Emil Landolt und seiner Frau. Offiziell hiess das schmucklose Haus an der Winkelwiese 10 einfach Villa Winkelwiese. Zusammen mit dem unter Denkmalschutz stehenden Gartenhaus kam es sogar zu einer Volksabstimmung betreffend der Zukunft der Gebäude und des Areals. Zur Debatte stand der Bau einer mondänen Villa anstelle des bestehenden Hauses. 

Der Unternehmer Frank Binder konnte nach dem knappen Abstimmungs-Ja den Baurechtsvertrag über sechzig Jahre unterschreiben.

Das folgende rechtliche Hickhack schien ihn zu zermürben, jedenfalls kam es im Jahr 2016 zum sogenannten «Heimfall»: Der Baurechtsvertrag wurde, nach Bezahlung der fälligen Zinsen durch den Unternehmer, aufgelöst und man fand sich wieder auf Feld eins. Seither ist viel Wasser die Limmat hinunter geflossen. 

Öffnung des Gartens

Heute nun stehen die Zeichen auf vermehrter Nutzung öffentlicher Flächen durch die Bevölkerung. So vertritt das die Vorsteherin des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements, Stadträtin Simone Brander. Als solche ist sie auch zuständig für Grün Stadt Zürich (GSZ). 

Eben dieses Amt lud am 23. Oktober die Quartierbevölkerung ein zu einer Dialogveranstaltung. In der Aula des Schulhauses Hirschengraben versammelten sich knapp siebzig Personen und lauschten gespannt den Ausführungen von Maria Möhrlein, der Projektleiterin seitens von GSZ, sowie Sibylle Aubort Raderschall von «raderschallpartner ag», welche das Vorprojekt erarbeitet hat. Im Hintergrund nämlich wurde in den letzten Jahren die Zukunft der Gebäude wie der Grünflächen geplant. 

Das Haus sanieren

Auf baulicher Seite geplant ist nicht etwa wie damals vorgesehen Abriss und Neuüberbauung der Parzelle. Sondern, das ist eine Überraschung, die Sanierung der Villa und des Gartenhauses und die Vermietung an eine Gross-WG, was ein gutes Dutzend Bewohnerinnen und Bewohner ergibt, wie übrigens seit vielen Jahren schon. (Beim ursprünglichen Projekt von 2008 war von drei Personen die Rede.) Womit das 1932 für einen Bankier erbaute äusserlich schmucklose Haus, das sich durch einen raffinierten, sorgfältigen Innenausbau mit vielen bestechenden Details auszeichnet, für ein langes Weiterleben ertüchtigt wird. 

Ein Gartendenkmal

Hauptthema des Abends jedoch waren die Grünflächen, eigentlich zwei durch einen Zaun und eine Hecke getrennte ursprünglich zusammenhängende Parzellen, die heute ein Gartendenkmal sind. Diese sollen gemäss den präsentierten Plänen wieder verbunden und zur Nutzung durch die Quartierbevölkerung zugänglich gemacht werden. 

Das besagte Grundstück in Hanglage in der hintersten Ecke der Altstadt rechts der Limmat grenzt von unten gesehen links an die privaten Gärten der Trittligasse-Häuser, rechts an die Rämistrasse. Der so gesehen linke Teil, die Trittliwiese, wird seit Jahrzehnten genutzt durch den Elternverein respektive durch Quartierfamilien sowie durch Kindergarten und Schule. Der rechte, kleinere Teil gehört zur Villa Winkelwiese und soll nun also – abgesehen von einer Fläche um das Haus herum – mit der Trittliwiese verbunden und öffentlich zugänglich gemacht werden.

Übernutzung verhindern

Die Anwesenden waren, auf elf Tische verteilt, eingeladen, ihre Meinungen zum Projekt, Bedenken und Anliegen zu diskutieren und zu formulieren. Die grössten Vorbehalte zu Beginn galten sicherlich den Auswirkungen einer allfälligen nächtlichen Öffnung des Gartens, den zu erwartenden 

Lärmimmissionen, Littering, beeinträchtigter Sicherheit. Hier konnten die Verantwortlichen entwarnen: Es gibt Wegrechte und weitere Einträge im Grundbuch, darunter die Bestimmung, dass der Garten von der Dämmerung (ca. 20 Uhr) bis morgens um 7 Uhr geschlossen sein muss. Der Zugang erfolgt nur von oben her.

Gleichwohl zielten mehrfach geäusserte Befürchtungen in eine ähnliche Richtung. Was kann man tun, damit die Quartierbevölkerung, vor allem Familien mit Kindern oder auch ältere Menschen, den neuen Garten sinnvoll nutzen können? Und was, dass er nicht missbraucht wird für laute Partys oder von ganz anderen Kreisen genutzt, etwa von Touristengruppen, durch Local Guides oder Social Media hierher geleitet? Wie lässt sich eine Übernutzung verhindern?

Immerhin gehört es zu den von der Stadt vorgegebenen Rahmenbedingungen, dass der Charakter als grüne Oase mit ruhigen Nutzungen gewahrt wird. Dies sicherzustellen ist nun Aufgabe der Detailplanung. 

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Ein Quartiergarten

Das Projekt verbindet die beiden Grundstücke Trittliwiese und Winkelwiese und bildet einen Quartiergarten. Auf der oberen Ebene, das Gelände liegt an einem Hang, entsteht unterhalb des Hauses Winkelwiese 10 ein hindernisfreier Rundweg über die Trittli- und Winkelwiese, an dem Sitzbänke und Stühle zum Verweilen einladen. Der trennende Zaun zwischen den Wiesen wird entfernt. 

Bei der Neugestaltung geniesst der Erhalt alter Bäume und der hier vorkommenden Artenvielfalt an Flora und Fauna hohe Priorität, es leben hier seltene Pflanzen, Insekten, Vögel, Fledermäuse, Igel und andere Tiere. Das Gelände ist eine der ältesten durchgehend unbebaut gebliebenen Flächen der Stadt. Es wird auch seitens der Dienstabteilung Grün Stadt Zürich angestrebt, hier weiterhin einen Nutzgarten zu unterhalten. An der Veranstaltung ist die Idee eines Garten- oder Wiesenvereins aufgekommen, der gewisse Aufgaben zum Gelingen des Projekts übernehmen könnte. Gemäss Zeitplan erfolgt im nächsten Jahr die Bauausschreibung. Wenn alles rund läuft, könnte der neue Garten in der zweiten Hälfte 2027 eingeweiht werden. (EM)