«Mord im Hinterhof»

Gabriela Kasperski schreibt exklusiv für den Altstadt-Kurier. «Mord im Hinterhof» erzählt in sieben Fortsetzungen die Geschichte eines Zürcher Hinterhofs, der nach dem Tod der langjährigen Besitzerin zweier angrenzender Häuser in einen Strudel aus Begehrlichkeiten, Politik und einem ungeklärten Mord gerät.
Was bisher geschah: Das friedliche Leben im Hinterhof mit dem Kafi-1A ist bedroht. Severin Wey, ein junger Immobilien-«Geier», hat der verstorbenen Besitzerin die beiden Altstadt-Häuser zu einem Spottpreis abgeschwatzt. Bevor er seine Gentrifizierung-Pläne umsetzen kann, wird er ermordet.
«Autsch!» Das Messer war verrutscht. Aylin Demir starrte auf die dunkle Blutschliere zwischen den Zwiebelstücken auf dem Brett.
«Was bist du auch so gestresst?» Toni, ihr Chef vom Restaurant «Hindergass», gab ihr ein Pflaster. «Es wird alles gut.»
Aber Toni sah die Welt wie immer zu rosig. Alles war anders, seit Lily Kant vom Kafi-1A den Investor an jenem Morgen vor einigen Wochen von einem Veloschlauch erdrosselt im Hof vorgefunden hatte.
Die Aufmerksamkeit der Medien war zwar im Strudel der anderen städtischen Ereignisse schnell abgeflaut. Aber dass sowohl die Polizei als auch die Erbin von Gerti Landert nicht mehr in Erscheinung getreten waren, war unheimlich. Niemand wusste, was mit den Häusern passieren würde: wie lange das Kellertheater d’Funzle und die Radlerei noch hier sein durften. Ganz zu schweigen vom Restaurant. Wenn Aylin dran dachte, wurde ihre Kehle eng. Hier war sie zur beliebtesten Köchin der Altstadt geworden. «Mein Daheim», flüsterte sie.
Durchs offene Fenster hörte sie eine Begrüssung.
Die Planerin Elena Mettler, im üblichen Leinenanzug mit einem gerollten Papier in der Hand, bestellte sich bei Lily einen Kaffee. Gab es Hoffnung?
Da betrat ein Mann in Lederjacke den Hof.
Kommissar Werner Meier von der Kripo Zürich, der Lily nach dem Leichenfund ausführlich befragt hatte, kam auf sie zu.
Sie stellte die Tasse mit dem Cappuccino auf den Tisch und wechselte einen Blick mit Elena. Diese hatte gerade einen Plan präsentieren wollen, wie es mit dem Hof weitergehen könnte.
«Herr Meier! Wollen Sie uns verhaften, oder was?»
Lilys Scherz verpuffte. Eine Frau in Uniform und zwei weitere Männer standen vor der Radlerei und sahen durchs Fenster ins Innere der Werkstatt.
«Wo ist die Chefin?», fragte Meier.
«Sie musste schnell auf die Post.»
«Und der Lehrling?»
«Sie meinen Milan?»
Genau wie Rita, die Velomechanikerin, war Lily ein Fan von Milan Dardan, der nach einer schwierigen Jugend und zwei abgebrochenen Lehren in der Radlerei aufblühte.
«Der kommt etwas später», sagte Zimpel, der Theaterdirektor, der ebenfalls dazu gekommen war.
Als Milan gleich darauf durch die kleine Einfahrt in den gepflasterten Hinterhof radelte, bildeten die drei Polizisten einen Bogen und Werner Meier ging auf ihn zu.
«Herr Dardan?»
Nein, dachte Lily. Also war die Sache mit dem Veloschlauch rausgekommen. Sie hatten verabredet, dass niemand den Schlauch erwähnte, den Milan aus einem Reifen gezogen hatte, kurz bevor Severin Wey damit ermordet worden war.
Milan liess den Scooter umfallen. Seine Schwester Aylin erschien, kreidebleich. «Milan, du musst mit denen reden.»
Er lief trotzdem an ihr vorbei und auf den Torbogen zu. Als sich zwei weitere Polizisten aufbauten, schlug er einen Haken und wollte durchs Kafi-1A fliehen.
«Lass mich durch.»
Aber schon waren die Polizisten bei ihm. Lily und mit ihr der ganze Hof sowie die Bewohner der Häuser, die sich aus den Fenstern lehnten, schauten fassungslos zu, wie sie ihn packten, auf den Boden warfen und ihm Handschellen anlegten.
«Milan Demir, ich verhafte Sie…» Der Rest klang wie aus einem Fernsehkrimi, der Abgang war ebenso.
Kaum waren sie weg, versammelten sich alle bei Lily, die drei Blechtische quollen über, es gab zu wenig Stühle.
«Fakt ist», sagte Zimpel, «der Milan war am Abend des Mordes noch im Hof.»
«Wie wir alle!», rief Rita.
Sie stand vor der Radlerei, das Haar wild, die Velos wie eine Flotte hinter sich. «Wir haben dein Stück angeschaut, Zimpel, weil du sonst keine Zuschauer gehabt hättest − Ich verbürge mich für Milan. Er war es nicht.»
«Aber er hat ein Motiv.» Zimpel ereiferte sich. «Er hätte seine Lehrstelle verloren, wenn der Severin das Haus bekommen hätte. Der wollte einen Turnschuhladen bei euch reinmachen. Sowas wie On.»
«Und du hättest dein Theater schliessen können. Und Lily ihr Kafi. Der Toni sein ‹Hindergass› und Aylin wäre arbeitslos.»
Aylin schob den Stuhl zurück, dass er kippte. Dann ging sie davon.
«Was hat sie denn?», fragte einer der Bewohner.
«Milan ist ihr Bruder. Er hat wegen einer Schlägerei die letzte Stelle verloren», sagte Lily leise.
«Weil er provoziert wurde.» Rita stemmte die Arme in die Seiten und musterte die Traube der Bewohner. «Ihr hättet alle ausziehen müssen. Geht ihr etwa mit einem Veloschlauch durch die Gegend und ermordet Leute?»
Aylin stand wieder vor dem Rüstbrett. Tränen lief ihr übers Gesicht, tropften auf die Zwiebeln und vermischten sich mit dem getrockneten Blut. Sie und Milan waren in dieser Sache ganz allein. Da betrat Lily Kant die Küche. «Die werden ihn anklagen. Er hat ein Motiv, kein Alibi und die Waffe hat er auch angefasst. Wir müssen den Mörder selbst finden. Hilfst du mir?»
Fortsetzung folgt ... in der Ausgabe vom 8.10.
Anmerkung: Örtlichkeiten, Institutionen, Personen und Handlungen sind frei erfunden.
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Unsere Niederdorf-Autorin
Die Autorin Gabriela Kasperski ist studierte Anglistin, Moderatorin und Theaterschauspielerin. Heute lebt sie als Schriftstellerin mit ihrer Familie an der Stüssihofstatt, in London und in der Bretagne. Zusammen mit ihrem Mann führt sie die Geschichtenbäckerei am Predigerplatz. Ihre Bücher wurden mehrfach nominiert und aus- gezeichnet. 2025 machte das vom Ehepaar Kasperski herausgegebene Buch «Weisch na» Schlagzeilen mit rührenden Altstadtgeschichten, inspiriert vom Altstadt-Original Barbara Streiff.
Für den Altstadt-Kurier schreibt sie exklusiv den siebenteiligen Altstadt-Krimi. Wer Ideen und Wünsche hat für die nächsten Folgen, schreibt bitte an redaktion@altstadtkurier.ch – oder auf 079 660 28 59. Dann erfolgt die Weiterleitung an Autorin Gabriela Kasperski.
Auch in dieser Folge hat sich ein Fehler eingeschlichen. Meldet sie im Altstadt-Kurier-Büro, per Mail oder persönlich. Unter den richtigen Antworten verlosen wir den neusten Band von Gabriela Kasperskis Libby Andersch-Reihe: «Tödlicher Rheinfall.» (ls.)