Keine Heimat mehr für Musik

Der Bratschist Nicolas Corti nutzt seit 30 Jahren ein in vielen Bereichen ideales Musikstudio an der Leuengasse 21 zum Üben, zum Unterrichten und für Kammermusikproben. Nicht nur für Musikliebhaber sind die historisch gewachsenen Räumlichkeiten mit dem 400-jährigen Terrakottaboden ein Traum. Doch nun baut die Stadt den speziell schallisolierten Raum zu einer Waschküche und zu Abstellräumen um. Corti muss etwas Neues suchen.
Lorenz Steinmann
Das historische, der Stadt gehörende Gebäude am Leuenplätzli wirkt von aussen eher unscheinbar. Diskrete, leicht verwinkelte Fassade, nicht sehr grosse Fenster, im Parterre eine Art Garagentor.
Eine der knarrenden Treppen führt aber in ein Reich, das es in Zürich kein zweites Mal gibt. Es ist ein gegen drei Meter hoher Raum, der so mit geknüpften Teppichen ausgelegt ist, dass man noch den unebenen Terrakottaboden sieht. An den Wänden hat es viele handgemalte Bilder und Konzertfotos, auch aus den 1920er bis 1950er Jahren. Auf Gestellen stapeln sich Notenhefte, Schallplatten und CDs, aber auch Bildbände und allerlei musikalische Erinnerungsstücke. Musikinstrumente verströmen die Aura von Energie und Emotionen. In der Mitte stehen vier Stühle, die um eine grosse, markante Ständerlampe aus der Jugendstilzeit angeordnet sind. Wie bereit für ein Kammermusikkonzert! Hier herrscht eine inspirierende Aura. Ein Ort der Kreativität und der Erfüllung.
Hier übte auch das Amati-Quartett
Das Musikstudio trägt die Handschrift des Bratschisten Nicolas Corti. Der weltweit bekannte Musiker und ehemalige Professor an der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK hat den Raum vor über dreissig Jahren von der Stadt gemietet. Als Probelokal des bekannten «Amati Quartettes», das von 1982 bis 2010 durch die ganze Welt tourte und einige Wettbewerbserfolge feierte. Als Übungsraum für all die Konzerte, die Nicolas Corti als Bratschist gegeben hat, etwa als Zuzüger mit dem Tonhalle- und Opernhausorchester Zürich, als Mitglied des Collegium Musicum Zürich unter Paul Sacher (ja, dem milliardenschweren Roche-Erben), als Solobratschist des Musikkollegium Winterthur. Und für solistische Auftritte. Das Studio dient aber auch als Unterrichtsraum. Hier haben unzählige Bratschenschülerinnen und -schüler an ihrem Können gefeilt. Es ist das Vermächtnis von Nicolas Corti an die nächste Gilde an Musikerinnen und Musikern.
Für all das ist der Raum perfekt geeignet. Er wurde vor über 30 Jahren eigens schallisoliert (eine Zeitlang wohnte über dem damaligen Jugendraum alt Bundesrat Moritz Leuenberger. Der geschätzten Ruhe wegen hat er den Schallschutz veranlasst), liebevoll umgesetzt mit Rücksicht auf die denkmalgeschützte Bausubstanz. «Es ist ein Bijou auch für zukünftige Musikergenerationen, da man darin Tag und Nacht musizieren und proben kann», sagt Nicolas Corti. Auch seine Tochter Gina Eté (Songwriterin) nutzte zeitweise den Raum für Proben, sie, die sich einen Namen gemacht hat als Mitorganisatorin des seit 2008 bestehenden Lauterfestivals im Dynamo.
Stadt hat kein Musikgehör
Schallschutz hin oder her. Ende September ist Schluss mit Musik. Die Stadt hat entschieden, hier eine Waschküche und Abstellräume einzurichten. Ohne die Bedürfnisse der Mieter abzuklären. Corti hat zwar das Gespräch mit der Stadt und der Schlichtungsstelle gesucht, seine Argumente kamen aber nicht an.
Dabei hat es jetzt schon eine kleine Waschküche und Abstellräume gibt es auch, wie ein kleiner Rundgang zeigt. Corti zuckt mit den Schultern. Aber er leidet. «So ein schöner Musikraum, es ist einfach nur schade, dass er verschwindet.» Was er nicht möchte: dass nun die grosse Aufdeckerstory kommt im Altstadt-Kurier. «Lieber einfach ein Text, der die schöne Zeit beleuchtet». Tatsächlich sind die Weichen längst gestellt. Ab September findet die Teilsanierung statt. Der Raum wird zwar nicht zerstört, aber unbenutzbar gemacht für kulturelle Tätigkeiten, deren Förderung die Stadt sich ja immer wieder rühmt. Musikgehör tönt definitiv anders, eine behutsamere Sanierung mit Integration des Bestehenden war aber kein Thema seitens der Stadt, wie auf Nachfrage des Altstadt-Kuriers betont wird. «Das Wohnhaus verfügte bisher über keine Waschküche mit Trocknungsraum. Der fensterlose Musikraum eignet sich von der Lage her als Standort für die Waschküche». Einen anderen Standort für das Musikzimmer habe man geprüft. «Zugunsten von mehr Wohnraum und aus Kostengründen haben wir uns aber gegen diese Variante entschieden. Die Terrakotta-Platten bleiben erhalten, den Erhalt der Isolation prüfen wir», so der Sprecher der Abteilung Liegenschaften aus dem Finanzdepartement von Daniel Leupi. Speziell ist, dass es nun plötzlich einen Trocknungsraum brauchen soll für ein 400-jähriges Gebäude.
Offen für Tipps
So oder so. Damit geht ein Kapitel Zürcher Musikgeschichte zu Ende. Nicolas Corti ist am Suchen nach einer Alternative (die auch kleiner sein könnte), auch wenn er sich wenig Hoffnungen macht: «So eine Trouvaille wird es so schnell nicht wieder geben». Das sei einfach nur schade für kommende Generationen.
Nicolas Corti bleibt der Trost, dass er immerhin in der Altstadt wohnen bleiben kann. Denn er ist zusammen mit seiner Frau an der Frankengasse im Oberdorf zu Hause. An der Ecke Frankengasse/ Oberdorfstrasse hat es ein langgezogenes Gebäude mit den speziellen Läden «Rien ne va plus», «Bookbinders Design» und «Fabrikat». Alle sechs Wohnungen im Haus gehören Verwandten von Nicolas Cortis Grossmutter. Diese hatte hier einen grossen Mercerie-Laden für Kleideraccessoirs – und kaufte das Haus in der 40er Jahren mit bemerkenswertem Weitblick. Die drei erwähnten Mieter – ein Spieleladen, eine Papeterie und ein Geschäft für hochwertige Dinge, die längst ausgestorben scheinen – zeigen, wie behutsam die Erben mit den Räumlichkeiten umgehen.
Überhaupt kommt Nicolas Corti aus einer sehr spannenden Familie. Cortis Eltern legten den Grundstein für die grosse Kreativität in der Familie. Schon der Vater (Ottavio Corti, 1911 – 2003), Sohn italienischer Einwanderer, war ein bekannter Schweizer Bratschist, und zwar Bratschist im Opernhaus Zürich und im Tonhalleorchester Zürich sowie Mitglied der Zürcher Kammermusiker, einem Sextett. Neben vielen internationalen Auftritten war Ottavio Corti ein ebenso gefragter Geigen- und Bratschenlehrer. Die Mutter (Leontine Browar-Corti, 1922 – 2010) war russisch-polnischer Herkunft und ausgebildete Modezeichnerin. Sie unterstützte ihren Mann sowie ihre drei Kinder in vielen Bereichen und förderte sie in ihrem kreativen Ausdruck.
Die Schwester und der Bruder
Auch die Generation rund um Nicolas Corti ist sehr kreativ. Seine Schwester ist Nina Corti, die sich einen grossen Namen als Flamenco-Tänzerin gemacht hat. Nicolas Cortis Bruder Daniel wählte wie Nicolas den Weg als klassischen Musiker. «Er hatte leider im Beruf und privat einige schwierige Lebensumstände zu verkraften», erzählt Nicolas. Daniel starb 2023 mit 73 Jahren. Im Musikstudio an der Leuengasse hängen einige von Daniel gemalte Bilder. Sie erinnern stets an den ältesten Spross der Familie – und auch daran, dass das Leben nicht nur aus Sonnenseiten und Erfolg besteht.
Für den Fototermin kommt Nicolas Corti aus dem Toggenburg ins heisse Zürich. Denn Vater Ottavio Corti kaufte im unteren Toggenburg einen Stall mit Umschwung und baute diesen zu einem Ferienhäuschen um. Sohn Nicolas war beim Hauskauf vier Jahre alt. «Seither bin ich im Toggenburg fest verwurzelt und verbringe viel freie Zeit im Ferienhaus. Ich liebe es, dort im Garten und im Wald zu werkeln», gab er kürzlich gegenüber dem St. Galler Tagblatt zu Protokoll. «Ich bin mir bewusst, dass der kleinste Fehler beim Holzhacken oder Blumenschneiden meine berufliche Karriere beenden könnte. Doch ich überlege mir genau, wie ich was mache, und bin entsprechend vorsichtig und konzentriert.»
Was er kann, macht er selbst. So nähte er auch die lederne Instrumententasche für seine Viola selber auf einer alten Schuhmacher-Tretmaschine. Auch sie, einst in der Zürcher Altstadt auf der Strasse entsorgt, braucht nun wiederum ein neues Zuhause.
Nicolas Vielseitigkeit zeigte sich früh, kaum jemand aus der Familie dachte allerdings daran, dass auch er selbst die Musikerlaufbahn wählen würde. Seine Geigen/Violausbildung als Kind und als Student am Konservatorium in Zürich absolvierte er bei seinem Vater. Der 14-Jährige hatte damals oft Wichtigeres im Kopf als das tägliche Üben. So erstand der Jüngling ein Kassetten-Tonaufnahmegrät, damals der letzte Schrei. Er spielte damit in seinem Zimmer seine aufgenommenen Tonleitern und Stücke ab und liess damit seine Eltern im Glauben, er sei brav am Üben. Dass er trotzdem Karriere machte, ist natürlich tröstlich.
Erste originelle Einkünfte
Und woher kam das Geld für das Tonbandgerät? Auch dazu gibt es eine wunderbare Geschichte. Aufgewachsen ist Nicolas Corti in Zollikon. Er erinnert sich, dass er sein erstes Geld auf dem damals gegründeten Flohmarkt auf dem Bürkliplatz verdiente. Dazu sammelte er in Zollikon Möbel und kleinere Utensilien ein, welche die dortigen Einwohnerinnen und Einwohner als Sperrgut an den Strassenrand stellten. Er verdiente dabei erstaunlich viel Geld, es konnten – man glaubt es kaum – bis zu 1000 Franken pro Samstag sein.
Eine am Strassenrand gefundene Trouvaille , die Art Deco-Ständerlampe, die gerade für Kammermusik so perfekt geeignet ist, steht heute noch im Studio. Nun fehlt nur noch ein neuer Ort dafür. Damit die Geschichte des über 30-jährigen Musikstudios weitergehen kann.
Wenn jemand aus der Leserschaft einen Tipp oder einen Raum hat für einen künftigen Musikraum, freut sich Nicolas Corti darüber. Kontakt: www.nicolascorti.ch