Weltblatt für den
Kreis 1


Kindheit in der Altstadt

Unser Gastschreiber Jeremy Giblin ist in der Altstadt aufgewachsen. Gerade volljährig geworden, erinnert er sich aus der Perspektive eines jungen Erwachsenen an seine Kindheit.

«Was, du wohnsch ide Altstadt? Isch ja mega geil! Ich wür so gern det mal wohne.» So reagieren die meisten Leute, wenn ich ihnen erzähle, wo ich wohne und aufgewachsen bin. Ist das Dörfli wirklich so toll, wie alle sagen? Ein Einblick in eine Kindheit in der Altstadt könnte dabei helfen, dieser Frage nachzugehen.
Es wäre falsch von mir zu behaupten, es fliesse nur Altstadt-Blut durch meine Adern. Mein Vater emigrierte nämlich von New Jersey, USA, nach Zürich. Obwohl ich das erste Jahr meines Lebens an der Limmat, am Limmatquai, verbracht habe, ist für mich die Froschaugasse das einzige Zuhause, das ich kenne. Zu Beginn muss schon gesagt sein, dass es kaum ein Quartier in der Stadt gibt, das eine solche Diversität und einen solchen Stolz ausstrahlt. Es ist die Mischung aus urbanem Zürcher Stress, der mit seiner Hauptarterie der Limmat quer durch die Altstadt seinen Puls schlägt, und der nostalgisch herzlichen Mentalität des Dörflis, die dieses einzigartige Herz der Stadt ausmacht.

Zauberäpfel
Es war im Kindergarten bei Regula Keller, wo meine Altstadtfreundschaften ihren Ursprung haben. Besonders das Spielen im Garten des Kindergartens, welcher mir durch eine enge Freundschaft mit Michèle Heris Sohn Jojo schon bestens bekannt war, ist eine Erinnerung, an die ich gerne zurückdenke. Noch heute glaube ich Regulas liebenswürdigen Worte, dass die Äpfel des Apfelbaums «Zauberäpfel» sind, denn sie schmecken noch heute so!
Mein Weg in den Kindergarten wurde ein wenig verlängert, als ich bei Sabine Egli in die erste Klasse kam. Auf diesem Weg war es speziell für einen Siebenjährigen ein Marathon, rechtzeitig über die Strasse zu kommen, bevor der «Mannsgöggel» wieder rot aufleuchtete. Das Lichtsignal war nämlich nur für gefühlte drei Sekunden grün. Ein Problem, dass man eigentlich heute beheben müsste…

Kleine Schurken
Die Dächer, Geheimgänge, Parks und Gärten der Altstadt sind nicht nur eine wunderschöne Touristenattraktion, sondern dienen auch als ideales Schlachtfeld für kleine Racker, wie wir es waren. Das «Räuber und Bulle» wurde zum Ritual meiner Generation. Nach der alten US-amerikanischen Serie nannte mein Vater uns «little rascals», kleine Schurken. Neben einem tollen Spitznamen steckt da noch ziemlich viel Wahrheit drin: auch für das Spielen und Experimentieren mit Feuer und anderen gefährlichen Substanzen verwandelten sich die vielen kleinen Winkel in ausgezeichnete Verstecke.
Auch im Winter hörte der «Seich» nicht auf. Regelmässig würden wir im Rudel Jagd auf unschuldige Passanten machen, um einen Schneeballhagel biblischen Ausmasses auf sie hinunter zu donnern. Die Schneebälle wurden im Sommer lediglich durch Wasserballone ausgetauscht. Besonders ärgerlich wurde es für manchen Ladenbesitzer, der seine Scheibe von Schneebällen sauber machen musste. Auch so mancher Passant verstand den Spass ganz und gar nicht. Ganz ungefährlich war die Sache denn auch wieder nicht.
Die Blasio-Burgen am Frühlingsfest dienten als wilder Auftakt zum Highlight des Jahres, dem Neumarktfest. Den Tag hindurch einen Stand zu betreiben und uns am Abend noch einmal gegenseitig durch das Quartier zu jagen, war handfeste Tradition.

Das schönste Schulhaus
Das Schulhaus Hirschengraben war einer der wichtigsten sozialen Treffpunkte. Dank tollen Lehrern und wunderschöner Architektur war die Schule ein Genuss für jeden Schüler. Typisch für die Altstadt entwickelte sich in uns ein fast schon überheblicher Stolz, im tollsten und schönsten Schulhaus der Stadt zur Schule zu gehen. Für mich ging es nach der sechsten Klasse weiter ans Realgymnasium Rämibühl. Da die meisten Schulkameraden und -kameradinnen von der Goldküste und anderswo aus dem Kanton stammten, ist man logischerweise stolz auf die Herkunft aus dem Zentrum der Stadt. Der Kontakt mit den alten «Hirschengräblern» wurde aber nicht nur aufrechterhalten, sondern erst kürzlich wieder aufs Neue zum Leben erweckt.
Bei all ihrer Schönheit birgt die Altstadt jedoch auch bizarre Eigenschaften. Mein multikultureller Hintergrund verhilft mir einen Schritt zurück zu nehmen und gleichsam einen anderen Blick auf die Altstadt zu wagen. Wenn man mit einem Trottinet die Spiegelgasse hinunterbrettert, am Sonntag Gläser beim Obergericht entsorgen geht oder um Mitternacht gebeten wird, die Bar zu verlassen, wird man doch immer gerne daran erinnert: Ein Teil der Altstadt ist empfindlich gegen Lärm. Allgemein wird alles, was das idyllische Gleichgewicht aus der Balance bringen könnte, als störend empfunden. Nachtschwärmer, neue Läden und das Zürifäscht werden somit als eindringlich wahrgenommen. Bei aller Schönheit wird manchmal doch vergessen, dass die Altstadt zum Zentrum der grössten und wirtschaftsstärksten (ja eigentlich wichtigsten) Stadt eines ganzen Landes gehört. Aber auch an das werden die Leute ungern erinnert. Vielleicht ist es auch nur mein freches, junges Maul, das dies denkt…
Nach achtzehn Jahren in der Altstadt ist es für mich nun an der Zeit, etwas von diesem gelebten Privileg an die nächste Generation des Dörflis weiterzugeben. Die Altstadt ist schliesslich ein wirklich soziales Quartier. Ich würde sogar sagen, dass das Dörfli einen ganz einzigartigen «Spirit», Geist, besitzt. Das Aufräumen nach dem Neumarkfest (auf Drängen meines Vaters hin) reicht nicht. Ich bin daher stolz darauf, mich in der Kompostgruppe, neulich im Quartierverein und als grünliberaler Jungpolitiker für das Wohlergehen der Altstadt einzusetzen.
Mit all seinen Ecken und Kanten, Winkeln und Gassen gibt es nur noch eines zu sagen: Ja, das Dörfli ist wirklich «mega geil»!

Jeremy Giblin

Unser Gastschreiber
Jeremy Giblin (1999) ist in der Altstadt aufgewachsen. Den Kindergarten besuchte er am Neumarkt, die Primarschule am Hirschengraben. Dann absolvierte er das Realgymnasium Rämibühl, zurzeit ist er im Abschlussjahr, kurz vor der Matura.
Er machte vier Jahre Leistungssport als Ruderer beim Seeclub Zürich, mit täglichem Training, bis im letzten Jahr. Heute ist er beim Pontonierverein Zürich, spielt er Badminton und geht Joggen. Soeben wurde er in den Vorstand des Quartiervereins Zürich 1 rechts der Limmat gewählt. Seit einigen Monaten ist er Mitglied der Grünliberalen Zürich 1&2 und engagiert sich beim Jugendparlament des Kantons Zürich.
Er wohnt mit seinen Eltern Lia Zappia und Chris Giblin sowie seinen Brüdern Sam und Noah an der Froschaugasse.

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