Weltblatt für den
Kreis 1


Kulinarium
Jamón auf dem Teller, Vera im Glas

Das Lokal im Hotel City lief jahrelang mehr schlecht als recht. Seit dem Umbau zur Tapas-Stube «Löweneck» wächst die Schar begeisterter Gäste und die Kritiker übertrumpfen sich mit Lob.

Die Wende kam 2014. Davor war das Restaurant «City» ein Raum mit viel Weiss und wenig Wärme hinter einer nicht besonders gelungenen postmodernen Fassade. Am Morgen genutzt als Frühstücksraum für Hotelgäste. Und abends so leer wie die Löwenstrasse nach Ladenschluss.
Daniel Bumann, ein Topkoch aus dem Wallis, brachte 2009 mit seiner Sendung auf 3+ zwar frischen Wind in die Küche und drückte das Züri-Gschnätzlete auf die Karte. Aber erst der Umbau der Migros City gegenüber gab den Ausschlag: Auch das Hotel City wurde in jener Zeit aussen wie innen erneuert. Der Sockel des Hauses ist seither in grünem Marmor, und er tut so, als wäre das immer schon gewesen.

Es stimmt alles
Auch hinter der Fassade hat sich einiges getan. Mein Gast Christoph Oriet ist da, es ist kurz nach 18 Uhr, das «Löweneck» ist sehr gut besetzt. Chris ist bei der Migros zuständig für den optischen Auftritt der Verkaufsstellen und interessiert sich für Neuromarketing. Also kurz gesagt dafür, wie Ästhetik uns verführt, ohne dass wir wissen, warum. Er zeigt zur dunkelgrauen Decke mit ihren riesigen Lüftungsschächten. «Die nehmen wir unterbewusst nicht wahr.» Dann zur Wand: «Grauer Abrieb und weisse Kacheln. Beides hat etwas Industrielles wie die Lampen mit ihren gelbroten Fäden. Sie sind so gerichtet, dass man den Raum ohne Probleme als Event-Lokal nutzen kann.» Er klopft auf die Tischplatte: «Eiche massiv. Auch die Stühle sind massiv, und die breite Glasfront gibt Schutz. Sehr schön auch die wilden Stoffe. Man fühlt sich wohl hier.» Fürwahr. Auch der Service stimmt, der Kellner bringt die zweite Stange Chopfab-Bier (Fr. 5.50 für drei Dezi) punktgenau auf den Moment, als ich die erste Tulpe leere. Chris trinkt einen Calcari, so heisst der spanische Weisse (Fr. 7.50 der Dezi).

Tapas für die Seele
Straff ist die Karte des «Löweneck». Tapas, also Häppchen aus der spanischen Küche, serviert auf Tellerchen oder kleinen Platten zu Preisen von Fr. 4.50 für gegrilltes Brot mit Tomaten oder eine Schinken-Speck-Krokette mit Idiazabal, einem spanischen Schafkäse. Oder Fr. 8.50 für ein Schweinsohr (warum auch nicht, wenn man gute Zähne hat?), Fr. 9.– für (köstliche) grüne Paprikaschoten oder Fr. 11.– für einen halben Knochen mit Mark drin und Meersalz drauf.
Chris und ich pickten Oliven (Fr. 5.–), teilten Tortilla (Fr. 8.50) und assen uns durch Jamón Bellota, einen drei Jahre lang gelagerten Schinken zu 39 Franken mit Tomatenbrot. «Das schmeckt alles sehr, sehr gut», sagte Chris. Die Kollegen aus der Gastroszene stimmen zu. Sie finden die Tapas im «Löweneck» «einfach himmlisch», «handwerklich brillant» oder «Spitzenklasse». Ein tolles Zeugnis für den Küchenchef Thomas Hauser und seine Equipe.

Auf das Wohl von Tante Vera
Zum Essen trank Chris einen Riesling Kallstadter, ich ein Glas Tamjanika Vera aus Serbien (je Fr. 7.50 der Dezi). Tamjanika ist der serbokroatische Name für Muscat, eine Rebensorte, und «vera» heisst in diesem Zusammenhang wohl «echt». Bloss erinnerte mich das Wort an Tante Vera, die Frau mit den schönsten Beinen, worüber man sich in meiner Familie einig war wie sonst nie. Darum bestellte ich ein Glas «Vera». Damit prostete ich meiner Tante im Himmel zu, Chris hob das Glas ebenso und auch der Kellner, dem ich die Geschichte erzählt hatte, hob die Hände zum Himmel, bevor er fragte: «Sind die Herren Fans von Süssem?» O ja! Sehr sogar! Pastel de nata oder Crema catalana bestelle ich nächstes Mal. Bestimmt! Und den Wein aus Serbien bestelle ich wieder. Er ist eine Entdeckung. Und ich bin mir sicher: Auch Vera würde ihn mögen.

René Ammann*


Restaurant «Löweneck», Löwenstrasse 34, Tel. 044 577 68 00, Dienstag bis Freitag 11.30 bis 14.30 und 17 bis 23 Uhr, Samstag von 14 bis 24 Uhr, Sonntag und Montag geschlossen, www.loeweneck.com.


*René Ammann isst und trinkt jeweils mit einem Gast, weil es geselliger ist. Diesmal mit Christoph Oriet. Er leitet beim MGB die Abteilung «Total Store».

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