Weltblatt für den
Kreis 1


44 Jahre Café Yucca

Das Café Yucca an der Häringstrasse 20 hat eine aufwendige Renovation hinter sich. Anfangs November ist die Wiedereröffnung mit einem Fest gefeiert worden, sogar ein eigens einstudiertes Theaterstück kam dabei zur Aufführung.

Witzig, dass ausgerechnet das Café Yucca den 44. Geburtstag so ausgiebig feiert: die 44, eine sogenannte Schnapszahl. Wo in diesem Etablissement doch absolut kein Alkohol zu finden ist. Doch gleichzeitig konnte man ja die Wiedereröffnung des für zweieinhalb Monate geschlossenen Treffpunkts feiern. So lange haben nämlich die umfangreichen Renovationsarbeiten gedauert, so lange war das Yucca im Exil. Im ehemaligen Jugendraum der Kirchgemeinde St. Peter an der St. Peterstrasse 3 hat das Yucca Unterschlupf gefunden und mit ihm all seine vielen Gäste, die es frequentieren.

Bewegte Geschichte
Das Yucca hiess früher Jugendcafé Juca und war 1973 am Limmatquai 112 als «Treffpunkt für Jugendliche auf der Gasse» gegründet worden, in Nachfolge des Foyers der Zürcher Stadtmission, die dort bis dahin ein Café mit Mittagstisch als Ort der Begegnung betrieb, mit Mitternachtsfoyer am Freitag für «Nachtschwärmer, für Halbstarke oder Rocker auf der Gasse».
1978 erfolgte der Umzug an die Häringstrasse 20. Das Café hat bewegte Zeiten durchlebt. So hat die Drogenszene das Juca zwischenzeitlich so stark in Beschlag genommen, dass es 1992 für vier Wochen geschlossen werden musste. Wiedereröffnet lautete die Devise: «Keine Drogen, kein Deal!» Wer sich nicht daran hielt, wurde weggewiesen.
Weil vermehrt auch ältere Gäste gern die «Wohnstube» besuchten und immer weniger Jugendliche kamen, erhielt das Juca 1994 einen neuen Namen: Yucca. Das klingt ähnlich, ist aber nicht mehr auf eine bestimmte Altersgruppe fokussiert. Zudem gefiel den Namensgebern, wie aus der Yucca-Palme aus einem scheinbar vertrockneten Stamm neue Triebe wachsen, als Metapher für ihr Tun an diesem Ort. Bereits 2002 wurden die Räume während dreier Wochen renoviert, sie wurden heller und freundlicher.
Im Jahr 2009 wurde die kirchlich orientierte Passantenhilfe «Yucca+» als neues Projekt integriert, getragen von der reformierten und der katholischen Kirche: Als Folge der Personenfreizügigkeit und der Finanzkrise gelangten nämlich zunehmend verarmte Menschen aus ganz Europa in die reiche Schweiz und strandeten in Zürich, landeten oft als Bittsteller in Pfarrhäusern. Von dort konnten sie nun ans Yucca gewiesen werden, wo man sich auf die neue Klientel einstellte. Seither ist das Yucca an sieben Tagen die Woche geöffnet, vormittags und nachmittags.

Eröffnungsfeier
Am 1. November, an einem Mittwochabend, drängen sich zusätzlich zu den Habitués viele Menschen im Yucca, die hier sonst nicht anzutreffen sind. Zur Feier des 44. Geburtstags und der Wiedereröffnung sind sie gekommen. Zu den Gästen sprechen Beatrice Bänninger, Geschäftsführerin der Zürcher Stadtmission, welche das Yucca betreibt, Bernhard Egg, Kirchenrat, und Renate von Ballmoos, Präsidentin Verein Zürcher Stadtmission.
Die Theatergruppe «Schräge Vögel» führt zusammen mit Gästen des Yucca ein in nur drei Tagen entstandenes Stück auf, das Einblicke in den Yucca-Alltag gibt. «Da habe ich mich gefreut auf einen Kaffee, aber das hier hat keinen Geschmack und heiss ist es auch nicht: eine Pfütze!», so schimpft zu Beginn ein Gast am Tisch. Da bekommt die Person den «besten Espresso» serviert, mit dem Rat, George Clooney vor Augen zu halten, und ist voll zufrieden. Hier im Yucca, so heisst es weiter, könne man günstig essen und trinken und man fühle sich dann nicht so allein. Es sei ein Ort, wo man Leute treffen könne. Dann wird am Tisch im Chor gesungen. Da erscheint (im Stück) ein Gast, der sich renitent verhält, laut wird und schliesslich vom Teamleiter Kurt Rentsch ein Hausverbot erhält: «Chasch morn wieder cho.» Doch durch Vermittlung kann der Gast sich beruhigen und darf dann doch bleiben. Zum Schluss singt das ganze Ensemble «We are sailing». Der Applaus ist lang und herzlich. – Und weil es ein besonderer Tag ist, gibt es zum Anstossen ein Glas alkoholfreien Sekt für alle. Und ein Apéro mit feinen Häppchen lockt, während zwei der Gäste mit ihrem Gitarrenspiel für musikalische Unterhaltung sorgen.

Aktiver Begegnungsort
Das Haus an der Häringstrasse 20, erklärt Kurt Rentsch im Gespräch, ist im Eigentum der Stiftung der Evangelischen Gesellschaft des Kantons Zürich, zu der die Zürcher Stadtmission bis zur Vereinsgründung vor einem Jahr gehörte und von der sie nach wie vor unterstützt wird. Dieses Haus war früher vermutlich eine Herberge zur Heimat, die Handwerkern auf der Walz ein Obdach bot. Davon zeugen die Zimmer mit Lavabo in den Obergeschossen. Heute befinden sich hier Geschäftsräume, Wohnungen und nach wie vor die Geschäftsstelle der Evangelischen Gesellschaft, während die Stadtmission ihr Büro seit einigen Jahren bei der Stiftung Kirchlicher Sozialdienst an der Klosbachstrasse hat.
Kurt Rentsch arbeitet seit 1993 als Teamleiter beim Juca, also kurz vor der Umbenennung in Yucca infolge Veränderung der Klientel. Bis heute finden Menschen den Weg ins Yucca, die in einer schwierigen Lebenslage sind, die teilweise auf der Gasse leben, psychische und andere Probleme haben und hier eine Wohnstube finden. Hier können sie Kontakte knüpfen und sich beraten lassen. Ausserdem gibt das Café Yucca täglich gratis Suppe an Bedürftige ab. Weiter ist hier eine Abgabestelle von «Tischlein deck dich» und die Heftabgabe für das «Taxi-Magazin». Die bereits erwähnten «Wanderarbeiter», Kurt Rentsch spricht lieber von «Europawanderern», kommen weiterhin ins Yucca. Sie erhalten im Rahmen der mit den Kirchen vereinbarten Passantenhilfe erst mal niederschwellig etwas zu essen, Suppe und Brot, sodann eine erste Beratung und werden dann an geeignete Stellen weitergewiesen. «Das Yucca steht in regem Austausch mit entsprechenden sozialen Diensten und Angeboten. Selber kann es nur Nothilfe, nicht aber Arbeits- oder Wohnintegration anbieten», erklärt Kurt Rentsch. Beim Stammpublikum steht das Yucca als Treffpunkt im Vordergrund, wo es tagsüber für zwei Franken eine Suppe, für fünf Franken einen Znacht gibt, um 12 und um 21 Uhr ist die Suppe gratis. Am Nachmittag wird das Yucca für zweieinhalb Stunden geschlossen: «Wir sind keine Versorgungsanstalt», sagt Kurt Rentsch. Vielmehr sollen die Leute Eigeninitiative aufbringen, Lösungen suchen für ihre Probleme. Dabei steht ihnen das Team beratend zur Seite. Schon einige Jahre gibt es auch eine PC-Station für Gäste, die für Job- oder Wohnungssuche genutzt werden kann. Seit eine Köchin angestellt ist, bleibt mehr Zeit für beratende Gespräche. 22 000 Gästekontakte wurden 2016 gezählt.

Einladend
Die Küche wurde übrigens gründlich renoviert, ein Personal-WC eingebaut und eine Garderobe eingerichtet. Und es hat eine neue Raumeinteilung gegeben im Yucca. Die schönen neuen Möbel haben Auswirkungen auf das Verhalten der Gäste, ist Kurt Rentsch aufgefallen: «Sie tragen mehr Sorge.» Überhaupt wirkt das Yucca hell und einladend.
Die vielen Angebote und Projekte, die hier angesiedelt sind oder lanciert werden, unterstreichen den dynamischen Charakter dieser wichtigen Institution. Oder wie Kurt Rentsch es sagt: «Wir sind keine verstaubten Missionare, die nur predigen. Wir halten die Augen offen, sind aktiv und agil.» – Alles Gute zum Geburtstag!

Elmar Melliger

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