Weltblatt für den
Kreis 1


«FLICKBAR»: Kompetenzzentrum für Reparaturen
Alles was flickbar ist



Drei Männer verwirklichen einen alten Traum und gründen eine Firma mit dem Namen, der Programm ist: «FLICKBAR». Flickbares flicken wollen sie. Alle sind sie leidenschaftliche Bastler und Tüftler, die gern etwas wieder instand setzen, zum Laufen bringen. Reparieren statt wegschmeissen und neu kaufen, lautet die Devise.

«Es ist auch ein wenig ein Altersprojekt, um ehrlich zu sein», sagt Reto Vollenweider, einer der drei Beteiligten. Mit der Idee, seine Dienste anzubieten und zu reparieren, was noch reparierbar ist, trägt er sich seit etlichen Jahren. Zum Lokal an der Predigergasse 4 beim Neumarkt sind die drei zufällig gekommen: Die Nachmieterin von Veronika Basman hat sich kurzfristig zurückgezogen und Reto Vollenweider hat als Mieter im Haus davon erfahren und sich sogleich an die Vermieter gewandt. Das war vor zwei Monaten. Nachher ist alles sehr schnell gegangen. Er, Heinz Ryter und Serge Werlen, alle wohnen sie in der Altstadt, kamen rasch überein, dass die Zeit nun reif und die Gelegenheit am Schopf zu packen sei. Und so sind sie nun seit anfangs Juli am Einrichten, verwandeln sie das dreissig Quadratmeter grosse Verkaufslokal in eine Werkstatt mit einer Werkbank, einer Schleifmaschine etc., in einen Handwerksbetrieb. Denn als das sehen sie sich. Nicht Hobbybastler sind sie, sondern Handwerker auf professionellem Niveau.
Reto Vollenweider (61), selbständiger Architekt, ist tätig als Bauherrenberater und Projektmanager. Während des Studiums arbeitete er beim Modellbauer Zaborowsky, wo er seine Leidenschaft entdeckte, vielfältig handwerklich tätig zu sein, und hatte eine Zeitlang selber ein Modellbau-Atelier. Serge Werlen (67), der im Nachbarhaus wohnt und arbeitet, war nach der Kunstgewerbeschule als Goldschmied tätig und in der soziokulturellen Animation als Jugendarbeiter, er war Begründer der OJA (Offene Jugendarbeit Zürich). Er hat ein Goldschmiede-Atelier und eine Holzwerkstatt. Heinz Ryter (61) ist gelernter Physiklaborant und war danach in der Audio-/Video-Branche tätig, zunächst bei Audio/Video Ganz. Seit zwanzig Jahren hat er ein eigenes Geschäft, das sich mit Planung und Installation von Medientechnik für Hörsäle und Konferenzräume befasst.
Alle noch beruflich tätig, suchten sie nach einer sinnvollen Beschäftigung für die kommende Zeit oder umgekehrt: Endlich finden sie mehr Zeit, ihrer Leidenschaft nachzugehen.

Flicken statt wegwerfen
Die Wegwerfgesellschaft, die Wegwerfmentalität war den drei längst ein Dorn im Auge. Geht man in ein Geschäft mit der TV-Fernbedienung, die einen Wackelkontakt hat, bekommt man zu hören: «Das zu reparieren lohnt sich nicht. Kaufen Sie lieber ein neues Fernsehgerät.» Dabei, so Heinz Ryter, bräuchte es vielleicht nur eine einfache Intervention, und das Gerät würde wieder funktionieren. Der Fachmann für Audio-/Videotechnik bietet hier sein Wissen und Können an. Ebenso in den Bereichen Elektronik und Elektrotechnik. Das heisst, er flickt, wenn mit sinnvollem Aufwand möglich, Plattenspieler, Tonbandgeräte, Fernsehapparate, Verstärker. Eher ältere Modelle. Er arbeitet unter anderem mit einem Multimeter, Lötkolben, Kathodenstrahloszilloskop, Ultraschallbad. Hinter der Aufzählung mag man den Experten erkennen.
Reto Vollenweider kann alles Mögliche flicken. Er hat eine Werkstatt in Oerlikon, wo er mit vielen verschiedenen Maschinen und Materialien arbeitet. Er sagt von sich, dass an ihm ein guter Handwerker verloren gegangen sei. Er arbeitet etwa mit Plexiglas, Holz, Metall. Er kann beispielsweise Spielsachen ergänzen oder kleine Objekte. Serge Werlen ist ebenso ein leidenschaftlicher Flicker. Er kann Holz und Metall bearbeiten. An der Predigergasse wird er unter anderem Scheren und Messer schleifen, auch Japanmesser, deren Klingen besonders fein sind und scharf sein müssen.

Drehscheibe
Was den drei Männern am Herzen liegt: Sie wollen keine Konkurrenz sein für das ansässige Gewerbe. Vielmehr wollen sie Dienstleistungen anbieten, die es hier nicht (mehr) gibt. Oder die zu erbringen sich nicht mehr lohnt, weil das neue Teil billiger zu stehen kommt.
Sie wollen eine Einschätzung machen, wer das am besten kann und entweder selber Hand anlegen, oder aber sie weisen weiter an einen Handwerker in der Altstadt, der das anbietet. So haben sie beispielsweise nicht vor, Näharbeiten zu übernehmen, weil der Schneider Ersin am Rindermarkt das so gut macht. Und sie werden keine Lampen flicken, wenn das Hickel an der Schoffelgasse erledigt. Das Velo flicken? Ein paar Häuser weiter ist die Velorei. Ausserdem werden sie eine Malerarbeit durchaus dem Maler Eppler an der Brunngasse bringen. Münsterton an der Münstergasse dagegen existiert nicht mehr, da ging einiges verloren an Reparaturmöglichkeiten, da kann man sicher eine Lücke füllen. Oder ein geerbtes Schmuckstück reinigen: ein Goldschmied macht das wohl eher ungern, weil es eine undankbare Aufgabe sein kann, nicht lukrativ ist und ihn von seinem eigentlichen Metier abhält. Ein geliebtes Spielzeug flicken? Durchaus möglich.
Um das oben Geschilderte zu unterstreichen, machen die drei noch vor der Eröffnung ihrer Werkstatt einen Apéro speziell für die Handwerker im Quartier. Ihnen wollen sie die «FLICKBAR» als Erste vorstellen. Und sie zur Zusammenarbeit zu gewinnen versuchen. Denn das Vernetzen, eine Drehscheibenfunktion ist ihnen ein zentrales Anliegen.

Keine Gratisbasteleien
Wichtig ist den drei Jungunternehmern, dass ihre Dienste etwas wert sein sollen. Sie möchten keine Gratisbastelbude sein, wo auf die Schnelle etwas zusammengeklebt wird. Vielmehr soll etwas kosten, was einem etwas wert ist. Einen fairen Preis für ihre Arbeit verlangen, das wollen sie. Wobei nicht eine Profitorientierung im Vordergrund steht: Keiner muss davon leben können.
Das Wort flicken ist bewusst gewählt. Es soll nicht nach Bastelei klingen, sondern nach Reparieren oder eben, wie das früher hierzulande hiess: Flicken. Wie das in der Berufsbezeichnung Korb- und Kesselflicker vorkommt. Etwas nachhaltig instand stellen, das wollen sie.

Gespannt, was da kommen mag
Am Samstag, 1. September ab 10 Uhr ist Eröffnung. Da kann man einen ersten Eindruck gewinnen. Die drei Männer sind gespannt, was in der Folge alles angeschleppt wird – nebenbei bemerkt bearbeiten sie nur Tragbares, also etwa keine Waschmaschinen. Sie sind gespannt, wie sich das Ganze anlässt: «Das Profil unseres Angebots wird sich entwickeln, schärfen.»
Was immer ihnen zugetragen wird. Etwas war beim ersten Besuch in der Werkstatt bereits spürbar: Die Freude, etwas Neues zu wagen. Die Freude, die eigene Leidenschaft ausleben zu können. Eine ansteckend wirkende Begeisterung.

Elmar Melliger


«FLICKBAR», Predigergasse 4 beim Neumarkt.
Annahmezeiten: Dienstag bis Freitag 16 bis 19, Samstag 14 bis 18 Uhr. Geöffnet: immer auch dann, wenn jemand am Arbeiten ist. www.flickbar.ch.

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