Weltblatt für den
Kreis 1


Eine (un-)schöne Sommergeschichte
Pfosten(-schmuck) am Neumarkt



Die Aufregung am Neumarkt war gross: Nach Jahrzehnten fallen die liebevoll gestalteten Pfosten plötzlich in Ungnade und sollen verschwinden?! Das konnte niemand glauben oder verstehen.

Kopfschütteln und ungläubiges Erstaunen löste kürzlich der Besuch von Polizeibeamten bei einigen Ladenbesitzerinnen und -besitzern am Neumarkt aus. Die Dekoration des Pfostens vor ihrem Geschäft, so die Order, müsse verschwinden.
Da half kein Argumentieren. Dass das bisher noch niemanden gestört hätte. Dass diese Pfosten teilweise seit über zwanzig Jahren so aussehen. Dass sie am Neumarkt einige bunte Punkte setzen. Nein: «Wenn das alle machen würden…»
Unter Bussenandrohung sei ihr eine Frist gesetzt worden. «Bis am 29. Juni», so berichtete Anita Bodmer vom «Papier 5», «hat die Pfostenverzierung zu verschwinden.» Weil unlängst eine Geschäftsinhaberin ganz in der Nähe gebüsst wurde, weil sie ihre Schaufensterauslage nicht mit Preisschildern versehen hatte, inklusive Schreibgebühren kostete das Fr. 670.–, befolgten die Ladenbesitzer umgehend die neue Anordnung. Wer kann sich heutzutage eine solche Busse denn noch leisten? Der Detailhandel steht durch die Online-Konkurrenz, die abnehmende Umsätze zur Folge hat, unter erheblichem Druck.
Und siehe da, mit einem Mal sah der Neumarkt tagsüber schön gepflegt aus, mit den anthrazitfarbenen Pfosten, die ihn beidseitig säumen. Oder vielleicht doch etwas monotoner, weniger bunt und fröhlich?

Seit über 25 Jahren
Einer war wild entschlossen, es darauf abkommen zu lassen, Widerstand zu leisten: der Coiffeur Heinz Hofer. Sein Pfosten ist ein wahres Prachtstück, eine Meisterleistung eines Kunstschmieds und eines Malers. Darauf wollte er keinesfalls verzichten. Der Pfosten sieht übrigens seit vielen Jahren so aus.
Die älteste im Altstadt Kurier auffindbare Foto mit einem dekorierten Pfosten datiert vom Dezember 1993: Einem der Pfosten wurde mittels Metallkappe ein geschmückter Weihnachtsbaum aufgesetzt. Sodann posierte Jutta Cammissar vom «Papier 5» mit dem stadtbekannten in die Luft reckenden Rotstift für die Dezemberausgabe 1995. Und so fort.
Die Freude war immer gross im Quartier, wenn sich wieder jemand dazu entschloss, den Pfosten vor dem Haus zu schmücken.
Dazu gehörten neben den Erwähnten zwei der «Whisky Shop», Manuela Preissles «Mary Jane», Veronika Basman («Basman»), Bruna Hauerts «Friends of Carlotta», ein nicht mehr existierendes Reisebüro, das Einrichtungsgeschäft «Neumarkt 17», der Wollenladen «Tuttolana» am Neumarkt 10 mit seinem handgestrickten Überzug, die Genossenschaft Hobel (mit dem Holzbalken), das Theater Neumarkt, eine Zeit lang auch der städtische Kindergarten…
Wem um alles in der Welt war bloss in den Sinn gekommen, sich an dieser harmlosen Verschönerung des Alltags zu stören?

Infolge der Altstadtsanierung
Es war in den Jahren um 1990. Im Zuge der Altstadt-Sanierung wurden am Neumarkt die Trottoirs mit der Fahrspur zu einer durchgehenden Fläche eingeebnet.
Diese Oberflächengestaltung wurde aufgrund von denkmalpflegerischen Überlegungen in allen Altstadtgassen gewählt, die saniert wurden, die also eine neue Kanalisation und neue Werkleitungen erhielten.
So auch am Rindermarkt, an der Froschaugasse, Brunn-, Prediger- und Spiegelgasse, an der Stüssihofstatt, an Niederdorf- und Oberdorfstrasse und so fort.
Am Neumarkt (Bauprojekt vom Oktober 1990 bis November 1991) waren die Befürchtungen der Anwohnenden gross, dass für die zu Fuss Gehenden eine erhebliche Gefahr entstünde durch die ausufernde Fahrbahn und dass durch vor die Haustüre parkierte Fahrzeuge zudem der Durchgang versperrt würde. Sorgen bereitete insbesondere, dass der Neumarkt für viele Kinder zum Schulweg gehört und dass sich hier ausserdem der Kindergarten befindet.

Trottoirs gefordert, Pfosten erhalten
Sodass die Anwohnenden, der Quartierverein Zürich 1 rechts der Limmat, der Elternverein etc. im Vorfeld der Oberflächengestaltung zunächst die Wegrationalisierung der Trottoirs bekämpften. Und als klar wurde, dass dem Anliegen seitens der Stadt nicht entsprochen würde, rasch zur Überzeugung gelangten, dass es unbedingt etwas brauche zum Schutz, nämlich Pfosten. Was seitens der Planer denn auch versprochen wurde.
Was wiederum die Befürchtung von Geschäftsinhaberinnen und -inhabern weckte, dass durch die fortan fehlenden Parkiermöglichkeiten nicht nur die Anlieferung erschwert würde, sondern darüber hinaus ein Teil der Kundschaft ausbliebe.

Modell Neumarkt
An einer Veranstaltung von Ende Januar 1991 präsentierten die Verantwortlichen das neue Pfostenmodell, das in Anbetracht der historischen Häuserkulisse keines der simplen Ausführungen sein sollte (man denke an den Abfall-Hai, der inzwischen rund um den Globus eingesetzt wird), sondern ein eigens für den Neumarkt kreiertes Exemplar: Ein eleganter Zylinder in Anthrazit. Erfinderin des Neumarkt-Pfostens war die Architektin Gret Loewensberg, die Partnerin des späteren Bundesrates Moritz Leuenberger.
Trotz der gestalterischen Qualität gab sich ein Teil der Geschäftsinhaberinnen und -inhaber mit dem Präsentierten noch nicht zufrieden. Jemand brachte die Idee ein, man könnte diese Pfosten doch dekorieren, um etwas Farbe in den Neumarkt zu bringen.
Innert kurzer Zeit, der Kunstschmied Hans Gautschi von der Predigergasse hatte alle Hände voll zu tun, prangten vor etlichen Geschäften während der Ladenöffnungszeiten die hübschen, originellen, bunten Pfostenüberzüge, die dezent auf das jeweilige Geschäft verwiesen.

Unverständnis im Quartier
Auf den Pfostenschmuck künftig verzichten zu müssen, das konnte am Neumarkt niemand einfach wegstecken. Barbara Wick, die Präsidentin des Vereins «Quartier im 1», nannte es kurzerhand «eine Katastrophe». Auch der Präsident des Quartiervereins Zürich 1 rechts der Limmat, Peter Rothenhäusler, äusserte sich auf Anfrage im gleichen Sinn. In einer für den Detailhandel nicht eben einfachen Zeit mit solchen Massnahmen zu kommen, dafür kann niemand Verständnis aufbringen.
Der rote Stift vor Anita Bodmers «Papier 5» war nicht nur ein Posten im Suchspiel «Foxtrail», sondern vielen ein Orientierungspunkt: «Treffen wir uns beim Farbstift!» Dass der geschmückte Pfosten zu ihrem Laden ganz selbstverständlich dazugehört, hat Manuela Preissle («Mary Jane») erfahren müssen: «Einige Kundinnen haben vor dem Laden kehrt gemacht, weil der Pfosten ungeschmückt war. Sie glaubten, das Geschäft sei geschlossen.» Viele der Pfosten wurden unzählige Male fotografiert, derjenige vor dem Hobel erfüllt eine weitere Funktion: «Manche Touristen», so Sibylla Iten, «nutzen die Balkenoberfläche als Stativ für ihren Fotoapparat.» Für Bruna Hauert tragen die verzierten Pfosten zur Attraktivität der Gasse bei. Die Pfostenüberzüge (ausser dem Rotstift) verschwinden übrigens alle über Nacht im Inneren der Häuser, damit sie ihr schönes Aussehen behalten. «Sie lockern das Bild auf», findet Heinz Hofer.

Happy End?
Nachfragen bei der Verwaltungsabteilung der Stadtpolizei und mehrere Gespräche mit dem Mediensprecher Marco Cortesi haben den genauen Hintergrund der unverständlichen Aktion nicht ans Licht gebracht. Jedoch konnte Marco Cortesi nach einigen internen Abklärungen schliesslich teilweise Entwarnung geben und versichern, dass das Ganze sistiert sei und dass einstweilen, bis auf Weiteres keine Bussen ausgesprochen würden im Zusammenhang mit dekorierten Pfosten.
Sodass man also die Pfosten wie in den vergangenen zwanzig, bald dreissig Jahren gewohnt, auch weiterhin schmücken kann.

Elmar Melliger

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