Weltblatt für den
Kreis 1


Zur Abstimmung vom 10. Juni 2018
Sechseläutenplatz: wie nutzen?



Zur Frage, wie der Sechseläutenplatz genutzt werden soll, von wem, wie oft oder wie lange, gehen die Meinungen auseinander.

Nachdem der Platz 2014 in neuer Pracht eingeweiht war, versetzte die Belegungsdichte manche in ungläubiges Erstaunen. So war der Platz insbesondere im ersten Jahr an zu vielen Tagen besetzt und stand der Bevölkerung nicht zur freien Verfügung.
Nun kommt die Initiative «Freier Sechseläutenplatz» zur Abstimmung, die fordert, dass der Sechseläutenplatz 300 Tage im Jahr frei sein soll, also nur an 65 Tagen belegt. Stattfindende Veranstaltungen (mit Ausnahme des Zirkus) müssten zudem unentgeltlich zugänglich sein. Dem steht der Gegenvorschlag von Stadt- und Gemeinderat gegenüber, der den Platz höchstens an 180 Tagen belegt haben will, wovon höchstens 45 Tage in den Monaten Juni bis September.
Lesen Sie nachfolgend je einen Beitrag von Befürworter- wie von Gegnerseite der Initiative.


Pro Initiative
Für einen freien Platz

Ich freue mich immer, wenn ich sehe, wie Kinder auf dem Sechseläutenplatz «velölen» und «trottinettlen», SchülerInnen und StudentInnen sich auf dem Platz treffen, Berufsleute auf dem Platz Zmittag essen oder TouristInnen staunend über den Platz schlendern. Der Sechseläutenplatz ist seit seiner Eröffnung fast ein wenig zum neuen Wahrzeichen Zürichs geworden und strahlt über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus. Auch die deutsche Zeitung «Die Zeit» hat schon über unseren Platz berichtet.
Die Attraktivität dieses Ortes ist auch den Event- und GeschäftemacherInnen nicht entgangen. Gross sind die Begehrlichkeiten, den Platz für kommerzielle Interessen zu nutzen. In den Jahren seit der Eröffnung haben unzählige Events auf dem Platz stattgefunden und er war häufig versperrt und zugestellt.
Ich finde, dieser Platz soll für alle da sein. Man soll ihn betreten und darauf verweilen dürfen ohne Konsumzwang. Er soll auch einmal leer sein dürfen. Dies fordert auch die Initiative für einen freien Sechseläutenplatz. Sie verlangt, dass der Platz an 300 Tagen im Jahr frei bleibt. Die Initiative ermöglicht, dass er immer noch während über zwei Monaten belegt werden kann. Kürzere Veranstaltungen wie das Sechseläuten, die Streetparade oder «Oper für alle» können selbstverständlich nach wie vor darauf stattfinden. Der Zirkus Knie verweilt in Zürich länger als in jeder anderen Stadt und beansprucht den Platz heute während 32 Tagen für sich. Auch für ihn wird es nach wie vor Platz haben, aber er würde den Platz möglicherweise nicht mehr einen ganzen Monat lang besetzen können.
Der Gegenvorschlag hat seinen Namen nicht verdient. Er ermöglicht sogar eine Verschärfung des heutigen Zustands. Eine Annahme des Gegenvorschlags ist deshalb gefährlich, weil der Platz damit während 180 Tagen, also praktisch jeden zweiten Tag im Jahr belegt werden kann. Damit würde der Platz de facto zu einem reinen Event- und Kommerzort und würde seine Ausstrahlung verlieren.
Ich finde, wir dürfen dem Sechseläutenplatz die Chance geben, ein freier Platz zu sein, der für uns da ist, ohne dass wir etwas konsumieren müssen. An 65 Tagen im Jahr sollen darauf Anlässe stattfinden können. Welche Anlässe das sind, soll in der Kompetenz des Stadtrates liegen, so wie es auch bei anderen Plätzen in Zürich der Fall ist.
Ich bitte Sie deshalb, Ja zu stimmen zur Initiative für einen freien Sechseläutenplatz, Nein zum Gegenvorschlag und bei der Stichfrage für die Initiative zu stimmen. Herzlichen Dank.
Felix Stocker, Vorstand Quartierverein Zürich 1 rechts der Limmat, Gemeinderat SP

Kontra Initiative
Gegenvorschlag – Ja, aber!


Was für ein Platz! Zürich hat sich mit dem Sechseläutenplatz etwas Ausserordentliches geleistet. Ich sitze im 8er-Tram und fahre Richtung Klusplatz, sehe Schneeberge, das Abendrot und dazwischen den Freiraum des Sechseläutenplatzes – ich bekomme wirklich Gänsehaut. Seit einigen Wochen prüfe ich mit einer nichtrepräsentativen Studie meine MitfahrerInnen im Tram. Weniger als 5 Prozent nehmen den Platz wahr, zeigen auch nur ansatzweise eine Regung. Wieso sind es nur so wenige? Haben die etwa sonst genügend Freiraum? Auf der Weiterfahrt zähle ich die Freiräume bis zur Endstation. Ich komme auf etwa 27, und das nur entlang der Tramlinie 8 zwischen Stadelhofen und Klusplatz. Sie sind allerdings alle kleiner als der Sechseläutenplatz.
Schon lange nicht mehr konnte man so schön über ein Abstimmungsthema streiten. Jeder und jede hat dazu eine Meinung. Viele Prominente lassen sich zu dem Thema mit teilweise abenteuerlichen Aussagen zitieren. «Das wahre Paradies!», «Angst vor der Leere!», «Zu wenig Freiraum!» einerseits, «Pulsierendes Zentrum!», «Lebensfeindliche Initiative!» andererseits. Ich finde die Diskussion grotesk. Im Vergleich zu übernutzten Städten wie Amsterdam, Florenz oder Barcelona ist Zürich bereits das wahre Paradies, hat Zürich mehr als genug Freiraum und ein normales lebendiges Zentrum.
Im Vorstand des Quartiervereins bin ich der Einzige, der gegen die Initiative ist. Ich verstehe den Wunsch der Altstadtbevölkerung nach dem freien Platz, nach weniger Events. Es gibt viele Events. Nicht nur auf dem Sechseläutenplatz. Die Events dort finde ich aber eigentlich ganz ausgewogen. Streetparade, Opernhausevents, Zirkus, Sechseläuten, Sechseläutenplatzwurstgrillen, Filmfestival, Weihnachtsmarkt sind beliebt bei der Bevölkerung der ganzen Stadt. Und dieser gehört der Platz. Welches die gemäss Initiative «gut ausgewählten Veranstaltungen» wären, dürfte ziemlich schwierig werden. Müsste es nicht eine Initiative zur Beschränkung der Events in der ganzen Innenstadt geben? Ist etwa der Ironman-Marathon besser als das Filmfestival?
Die Initiative ist doch nur eine Überreaktion zur ungeschickten Belegungspolitik im ersten Jahr. Der Sechseläutenplatz steht seither an genügend vielen Tagen leer und damit der Bevölkerung zur Verfügung. Jedoch: Sollte der Gegenvorschlag angenommen werden, erwarte ich von der Stadt eine besonnene Belegungsplanung wie in den letzten drei Jahren (zwischen 128 und 149 Tage waren es). Es wäre verantwortungslos, wenn die Belegungsziffer voll ausgenutzt würde. Es sollte Spielraum bleiben für kreatives Unvorhergesehenes.
Peter Rothenhäusler, Präsident Quartierverein Zürich 1 rechts der Limmat

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