Weltblatt für den
Kreis 1


Abschied vom Ausstellungssaal des Schweizerischen Nationalmuseums im Zunfthaus zur Meisen
Porzellansammlung in der Meisen



Während über sechzig Jahren präsentierte das Schweizerische Nationalmuseum im ersten Obergeschoss der Meisen einen grossen Teil seiner Keramik- und Porzellansammlung. Nach dem Sechseläuten wird die Ausstellung endgültig geschlossen.

«Geschichte im Herzen Zürichs. Das Zunfthaus zur Meisen gehört zum Landesmuseum. (…) In den schönsten Rokokoräumen Zürichs mit Blick auf die Limmat befindet sich die Porzellan- und Fayenceausstellung des Schweizerischen Nationalmuseums. (…) Der externe Ausstellungsraum im ersten Stock des Zunfthauses ist ideal: Die Kombination von zentraler Lage, Ausstellung und passendem historischem Raum zieht ein national und international an Keramik interessiertes Publikum an. Gerne besuchen auch in- und ausländische Touristen, die sich für Zürichs Kultur im 18. Jahrhundert interessieren, die Ausstellung in den wunderschönen Barockräumen des Zunfthauses zur Meisen mitten in der Stadt.» Mit diesen einladenden Sätzen bewirbt das Schweizerische Nationalmuseum auf seiner Website derzeit noch die Präsentation eines bedeutenden Teils seiner umfangreichen Keramik- und Porzellansammlung. Doch damit wird es bald ein Ende haben.

Eine glückliche Fügung
Seit der Gründung des Landesmuseums gehörte diese Sammlung zu den mit besonderer Liebe gepflegten Museumsbeständen, nicht zuletzt deshalb, weil der erste Direktor des Landesmuseums, Heinrich Angst, selbst ein begeisterter Sammler dieser Gegenstände war. Seine 1903 dem Landesmuseum geschenkweise überlassenen Fayence- und Porzellan-Objekte bildeten den wertvollen Grundstock, auf dem die weitere Sammeltätigkeit in diesem Bereich später aufbaute. Schon im 1898 eröffneten Museum schuf man vor allem für die Bestände aus dem 18. Jahrhundert einen nach damaligem Geschmack adäquaten Rahmen. Der eigens für die Porzellan-Ausstellung vorgesehene Saal war als Nachbildung eines historischen Zimmers der Rokoko-Zeit eingerichtet; man rekonstruierte die Stuckdecke aus einem Freiburger Interieur, versah die Wände mit entsprechenden Tapeten und bestückte den Raum mit Möbeln jener Epoche. In dieser stilistisch einheitlich nachempfundenen Umgebung sollte der Besucher das Lebensgefühl des patrizischen Ancien Régime erahnen können. – Dann, 1956, die unerwartete, glückliche Fügung: Nach einer Renovation des Zunfthauses zur Meisen standen die wiederhergestellten Zunftsäle im ersten Stockwerk für eine neue Nutzung zur Verfügung. Dem schon damals unter Raumnot leidenden Landesmuseum eröffnete sich damit die Gelegenheit, seine Ausstellungsfläche an attraktiver Stelle mitten in der Stadt zu erweitern. Rasch war es klar, dass sich die Bestände der Keramiksammlung und vor allem die Produkte der Zürcher Porzellanmanufaktur im Schooren in Kilchberg am besten als Ausstellungsgut an diesem Ort eignen würden. Einen schöneren Rahmen als das 1752 bis 1757 vom Zürcher Baumeister David Morf errichtete, von französischen Schlossbauten jener Zeit beeinflusste Gebäude mit seinen prachtvollen Interieurs liess sich dafür nicht wünschen. Umso mehr als sich hier auch ein direkter historischer Bezug herstellen liess: Die 1763 gegründete «Löbliche Porcellain Fabrik Gesellschaft» im Schooren hatte in der Meisen nämlich ihr Geschirrdepot und ihren ersten Verkaufsladen.

Prächtige Räume
Der Auszug der Fayence- und Keramiksammlung aus dem mittlerweile in die Jahre gekommenen Rokoko-Fake des Landesmuseums von 1900 und deren Neuausstellung in den festlichen Räumen der Meisen boten dem Museum nun die Möglichkeit, diesen Bestand umfassender als bisher und auch in sinnvoll gegliederter Anordnung zu präsentieren. Die damaligen Sammlungsverantwortlichen waren sich der Qualitäten der neuen Umgebung und ihrer kostbaren Einrichtung bewusst, die es sorgfältig zu berücksichtigen galt. Im Jahresbericht des Museums von 1956 ist zu lesen: «Wir suchten die prächtigen Räume zu beleben, ohne sie zu überfüllen. (…) Es wurde ein neuer Typus von Vitrinen entworfen, die in modernen Formen, so leicht und durchsichtig als möglich erschienen, eine denkbar freie Anordnung der Objekte im Raum gestatten und durch eine doppelte Wirkung der Beleuchtung nicht nur den Inhalt, sondern auch die Gemächer erleuchten sollten. So sind die Fayencen von Bern, Beromünster, Lenzburg und Zürich, die Porzellane von Nyon und namentlich die unvergleichliche Sammlung der Zürcher Porzellane (…) tatsächlich zu neuem Leben erwacht und wetteifern mit den zeitgenössischen Möbeln, Spiegeln und Uhren, die das Museum darum gruppieren konnte.» Die solcherart definierte transparente Präsentation konnte bis heute bewahrt werden, auch wenn das Ausstellungskonzept im Lauf der Jahrzehnte wiederholt den jeweiligen Bedürfnissen und neuen Erkenntnissen angepasst wurde. Der schon seit einiger Zeit gültigen Erwerbungspolitik folgend, wonach das Museum auch Erzeugnisse der Gegenwart in seine Sammlungen aufnimmt, wurden auch in der Meisen Werke von heute tätigen Keramik-Künstlern oder modernes Porzellan aus industrieller Fertigung gezeigt.
Ein besonderer Platz in der Schau gehörte seit jeher dem von 1763 bis 1790 hergestellten Zürcher Porzellan. Seine fein bemalten Teller, Platten und Schüsseln, die speziellen Geschirre für die damals aufkommenden Modegetränke Kaffee, Tee oder Schokolade und der reiche Figurenschatz der Tafelaufsätze verbanden sich in der Meise auf wunderbare Art mit dem zeitgleichen plastischen Stuck des Deckendekors.
Im intimen südlichen Flügelzimmer fand zudem das 300-teilige Staatsservice seinen Platz, das 1776 als Geschenk der Stadt Zürich an den damaligen Abt des Klosters Einsiedeln geschaffen worden war. Dank dem umfangreichen Bestand von in der Schoorener Manufaktur verwendeten Modeln konnte auch die Technik der Porzellanherstellung anschaulich erklärt werden.

Verzicht auf die Aussenstation
Der Enthusiasmus, mit dem seinerzeit die Ausstellung in der Meisen eingerichtet wurde, scheint heute etwas verflogen zu sein, die Besucherzahlen halten sich in Grenzen. Das hat verschiedene Gründe: Einmal ist für Passanten, die am Zunfthaus vorbeikommen, von aussen kaum ersichtlich, was sich in dessen Innerem verbirgt. Bei der zunehmenden Mischnutzung der Ausstellungsräume sodann, die immer häufiger durch geschlossene Gesellschaften für Apéros und dergleichen in Beschlag genommen werden, ist ein normaler Museumsbetrieb nur schwierig aufrecht zu erhalten. Mit den seit einiger Zeit geltenden, wenig besucherfreundlichen Öffnungszeiten – donnerstags bis sonntags, jeweils von 11 bis 16 Uhr – versuchte man, die unterschiedlichen Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen. Seit der Eröffnung des intensiv bespielten Museumsneubaus am Platzspitz haben sich die Besucherströme noch deutlicher dorthin verlagert.
In Anbetracht einer bevorstehenden Renovierung der Meisen, die nach dem Sechseläuten ohnehin die Räumung der Ausstellung erfordert, traf die Direktion des Nationalmuseums schliesslich die Entscheidung, auf die Weiterführung dieser Aussenstation endgültig zu verzichten – womit sich, last but perhaps not least, auch Miet- und Personalkosten sparen lassen.
Es wird in Aussicht gestellt, dass die Keramik- und Porzellanbestände dereinst in die neu gestaltete Dauerausstellung im Westflügel des Landesmuseums integriert werden, deren Eröffnung nach Abschluss der umfassenden Sanierung im Lauf des nächsten Jahres geplant ist. Die Museumsleitung verspricht sich, dass die Sammlung mit diesem Standortwechsel ins Stammhaus von der Verknüpfung mit anderen Beständen profitieren wird und von viel mehr Besucherinnen und Besuchern wahrgenommen werden kann.
Ob sie sich dann auch im bisherigen Umfang und in ähnlich stimmungsvollem Ambiente wie während der letzten 60 Jahre präsentiert, wird sich weisen. Man darf hoffen und gespannt sein. Gespannt auch darauf, wie die Zunft ihr Prunkgeschoss in Zukunft nutzen wird.

Matthias Senn

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